Monday, June 05, 2006

Das weisse Gold (Mallorca)


Schneemänner (cat. nevaters)

In der Zeit zwischen Winter und Frühjahr - (Ende Januar Anfang Februar) - wenn die Gipfel der Serra de Tramuntana weiß vom Schnee sind und die Blüten der Mandelbäume in der Ebene ebenfalls schneeweiß werden kam die Zeit der Nevaters. Viel Zeit hatten sie nicht, zwei, drei Tage in einem harten Winter auch eine Woche, bis Eis und Schnee wieder auftauten und das Schmelzwasser in den torrents ins Tal schoß und alles mit sich nahm was im Wege war.


Als Tomás Forteza 1869 diese Zeilen schrieb, gab es die mallorquinischen Schneemänner noch. Die Nevaters kletterten hinauf auf die höchsten Berge, Puig Major, Massanella, Teix oder Tomir, um Schnee und Eis einsusammeln und in die casas de sa neu zu schaffen.


Wenn dann im Frühjahr die Temperaturen anstiegen, begannen sie ihre Waren ins Tal zu bringen: das erste beschwerliche Stück mit Hilfe der Maulessel bis zur nächsten befestigten Strasse, und von dort mit dem Esselkarren zu den Verbrauchern. Ihr Arbeitsplatz im Hochgebirge war solange sicher, bis der Mensch lernte, wie er mit Strom Kälte erzeugen konnte.

Die Technik des Schneesammelns und des -lagerns, so belegen es historische Aufzeichnungen sind seit 1564 bekannt. 42 solcher cases de neu sind in den Urkunden erwähnt. Das letzte Schneehaus am ''Puig de Massanella'' Gemeindegebiet Escorca wurde noch bis 1927 Schnee zusammengetragen, da stellten die ersten Fabriken bereits schon Eis her.


Schneehäuser (cat: cases de neu)

Von den vierzig bekannten Schneehäusern, die man heute in der Serra de Tramuntana findet, verteilt sich die Mehrzahl auf die Tausender der zentralen Region. So sind zehn am Puig de Massanella, neun am Puig Major, fünf am Es Teix und drei am Tomir gelegen. Die restlichen sind auf weitere Bergregionen des Tramuntanagebirges verteilt. Mit einer Ausnahme liegen sie zwischen 700 und 1400 Meter über dem Meeresspiegel und sind meist nach Norden ausgerichtet.




Bei den cases de neu handelt es sich im Aufbau um ausgehobene Vertiefungen, die innen mit Stein, jedoch ohne Gebrauch von Mörtel (Tancamauer-Prinzip), ausgemauert wurden. Die annähernd rechteckigen Bauten sind etwa vier bis acht Meter tief, fünf bis acht Meter breit und 10 bis 16 Meter lang. Die Mauern ragen rund einen Meter über den Boden hinaus. An einer der kurzen Seiten war eine kleine Eingangstür, durch die man hineingehen und mit Hilfe einer Leiter nach unten gelangte. Auf den langen Seiten hatte das Gebäude jeweils zwei oder drei kleine Fenster. Üblicherweise waren die Bauten mit zusammengebundem Schilf oder einer Mischung aus Binsen und Ziegeln gedeckt, in Fartàritx befindest sich noch ein Schneehaus mit gut erhaltenem Steindach.




Geschlafen und gelebt wurde in diesen Natureisschränken nicht sondern neben dem eigentlichen Lagergebäude war meist ein rechteckiges, fensterloses Steinhaus, in dem ca. zehn Menschen während den 10 bis 14 Tage des Schneesammelns Unterkunft fanden. Diverse Mauern und Terassen in der Nähe der ''cases de neu'' sind jedoch keine Zeichen landwirtschaftlicher Nutzung, sondern sollten nur das Einsammeln des Schnees erleichtern. Gepflasterte Zugangswege, die teilweise heute noch gut erhalten sind, führten zu den abgelegeneren Schneehäusern.

Durch die Fenster wurde der Schnee in die Lagerhäuser eingefüllt und komprimiert. Schmelzwasser konnte ungehindert abfließen da die Mauern nicht vermörtelt waren. War der Schnee gut abgedeckt und die Zugänge des Schneehauses isoliert, hielt er sich bis weit in den Sommer hinein und es wurden immer wieder die jeweils benötigten Mengen ins Tal transportiert und verkauft. Daß das Schneesammeln nur eine Nebentätigkeit war, zeigt das Schneehaus bei ''Pastoritx'' in der Nähe von Valldemossa. Es liegt oberhalb mehrerer Kohlemeiler.

Der gesammelte und verdichtete Schnee wurde früher an die Gastronomie, die Speiseeis und Erfrischung daraus herstellte, an Krankenhäuser, die es z.B. benutzten, um Blutungen zu stillen oder, mit Öl vermengt, um Verbrennungen zu behandeln. Desweiteren wurden auch an Privatleute beliefert, die sich diesen Luxus leisten konnten. Lebensmittel wie Fisch auf Märkten von Mallorca wurde ebenfalls damit frisch gehalten.

Literaturhinweise

* VALLCANERAS, LL. Les cases de neu i els seus itineraris. Mallorca: Gorg Blau, 2002. ISBN: 84-922372-6-0
* CAPEL, Horacio. Una actividad desaparecida de las montañas mediterráneas: el comercio de la nieve. Revista de Geografía de la Universidad de Barcelona: Barcelona, 1970.
* CAPEL, Horacio. El comercio de la nieve y el hielo. Revista Bibliográfica de Geografía . Universidad de Barcelona, 1997. http://www.ub.es/geocrit/b3w-16.htm (spanischer Text)
* ALZINA, Jaume et al. (1982): Història de Mallorca, Palma: Moll.
* COSTA, Juan (1993) Geologie Mallorca, Palma: Viva
Zeichnung: Juan Costa / Foto: Pedro Servera